Posts Tagged ‘Künstlerklischees’

Experten expertieren so expertös

Mittwoch, Februar 16th, 2011 By Nina
cc by wikimedia/ Markus Mueller

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Ja, ich bin ein großer Sprachwissenschaftler. Ich betrachte die Sprache nicht nur wissenschaftlich, sondern ich spreche mein Wissen schaffend aus. Ich analysiere Gedichte messerscharf und entdecke in Wortfetzen ganze Universen, die am Ende mit dem eigentlichen Text oder dem Autor nichts gemein haben. Ich schmiege mich an Texte, da ich selbst nur theoretisieren kann.

Nehmen wir zum Beispiel mal einen Sänger, der textuelle Kolloraturen als Schmelztiegel der Wortfetzen nimmt und daraus Gebilde baut, die ich nun zum einstürzen bringen kann. Natürlich ist das Wort, der Satzteil, der metaphysische Klangkörper „einstürzen“ zu weit gegriffen: Korrekterweise bringe ich das Gebäude erst ins Wanken, schüttele es ein bisschen, hinterfrage jeden Buchstaben, liste seine kontextuelle Geschichte auf und erst dann, wenn man nur noch einen kleinen Lufthauch braucht, bringe ich es zum Einstürzen.

Nehmen wir also den Sänger. Dieser eine, besondere Sänger verwendet einen ganz speziellen Trick, der höchstliterarisch ist: Er überwindet die Worte schriftüberschreitend. Etwas, was die meisten Menschen ja sonst nicht tun, woran es ihnen an Fähigkeiten mangelt, wobei sie versagen, in Untätigkeit verfallen, es unterlassen, aufhören und gar nicht anfangen. Was wir Experten alles herausfinden. Schriftüberschreitend, für diese Erkenntnis habe ich nun Jahre gebraucht. Schriftüberschreitend, ich bin ein Genie! Das Land der Dichter? Nein, nur noch der Denker…

Jupp Heidevomzumwinkel auf der künstlerisch wertvollen Suche nach seinem Bruder

Donnerstag, Dezember 9th, 2010 By Nina
cc by flickr/ Gerej

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Es ist schon eine Tragödie, die sich da ereignet. Da haben sich die Brüder Jupp und Joop Heidevomzumwinkel gemeinsam in die Mine in Chile aufgemacht um die Gefühle der eingeschlossenen Bergarbeiter nachzuempfinden, mit Haut und Haar und mit ganzer Seele und Inbrunst, und nun ist Jupp schon lange zurückgekehrt, aber Joop ist noch weg.

Es sind die zwei genialsten und ungleichsten Brüder seit den Humboldts: Jupp, der Künstlerkritiker mit selbst einem Hang zur kritischen Kunst, und Joop, der rationale, wissenschaftliche. In der Mine von Chile konnten sie beides vereinen.

Jupp musste seine künstlerisch-spirituelle Erfahrung schon früher abbrechen, da Meditieren aufgrund der Hammerschläge seines Bruders in der benachbarten Höhle unmöglich war. Mit einem epischen Traktat darüber meldete sich der geniale, der einzigartige Jupp Heidevomzumwinkel zurück und sorgte sofort für einen Sturm der kulturellen Begeisterung. Doch wo ist Joop?

Irgendwann fiel dies auch Jupp auf und er machte sich auf die Suche. Er schwitzte während Bergarbeiter ihn zur Mine zurück trugen und gab unermüdlich ein anstrengendes und auslaugendes Interview während die Arbeiter sich durch Geröll und Stein gruben. Jupp Heideivomzumwinkel thronte in seinem Maßanzug wie ein Beschützer über den Arbeitern und spornte sie zu Höchstleistungen an.

Bis jetzt jedoch noch keine Spur von Joop? Jupp wandelt noch jetzt sinnierend von Kamera zu Kamera und denkt künstlerisch wertvoll über sein Schicksal und ach ja, das seines Bruders nach. Dazu wird er einen Gedichtband, einen Erlebnisbericht, ein Theaterstück, zwei Filme und eine Dokumentation herausbringen. Hat der Bruder den Mittelpunkt der Erde erreicht und erforscht dort nun die Maulwurfmenschen? Ist er einem Gas-Rausch verfallen und tanzt lachend und singend in einem Kleid durch die dunklen Gänge? Konnte er sich bis nach Deutschland durchbuddeln und löste leider den Krater von Schmalkalden aus? Fragen über Fragen, denen sich Jupp Heidevomzumwinkel in den nächsten Monaten und Wochen sicherlich kunstvoll und voller Inbrunst nähern wird…

Der Kritiker und das Wunder der Geburt

Mittwoch, November 10th, 2010 By Nina
cc by flickr/ gwydionwilliams

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Na, komm Frau, wir müssen endlich los. Oh Mann, jetzt musst du dich erst fertig machen?! Jetzt? Aber das ist ja immer das Gleiche mit den Weibern, da hab ich mich ja fast schon daran gewöhnt. Lass dich ansehen: Naja, das ist ja wohl eher der Euphemismus eines Outfits, aber okay. Können wir dann?

Wo ist denn jetzt der Taxifahrer? Ah da, ist der Mann! Oh Gott, ein Araber. Na, da weiß ich ja auch gleich, was auf uns zukommt: Die Fahrt zu soßig, die Musik zu holprig und die Ampeln zu rot. Als Taxifahrer müsste man halt die Schleichwege kennen. Wenn ich über den eine Bewertung schreiben müsste, wäre die Überschrift: Ein zurecht vergessener Klassiker des 20. Jahrhunderts.

In unheimlich gemächlichen und unreflektierten Schritten nähern wir uns dem Bestimmungsort. Was hat man sich nur bei dem Design des Hauses gedacht?! Praxis und Design liegen sich hier in den Armen und zeugen nichts, weil sie sich nicht entscheiden können, wer unten oder oben liegt.

Oh und erst dieses Essen hier! Das nennen die eine Auswahl! Irgendwie muss ich mir doch die endlos lange Wartezeit schmackhaft machen bis dann die Herren in Weiß ans Servieren und das Erfüllen ihrer Pflicht denken. Und Zeitungen gibt es hier auch keine guten. Da habe ich nun die Wahl zwischen aufgewärmten Gesprächen mit meinen Nachbarn oder halbfertige Mikrowellendiskussionen mit den Zuständigen. Die können froh sein, dass ich da morgen keine Kritik drüber schreiben muss! Ein Wunder überhaupt, dass man solch einen Betrieb am Laufen halten kann. Alleine schon das Design dieser Uhren… Zum Totlachen, strukturelle Meisterwerke aus der Steinzeit, überhaupt nicht mehr auf dem heutigen ästhetischen Stand!

Ach so ja, die Geburt meiner Tochter war auch sehr schön, wenn auch Verbesserungswürdig…

Jupp Heidevomzumwinkel meldet sich mit einem epischen Traktat zurück aus der Mine in Chile

Mittwoch, November 3rd, 2010 By Nina

Der Kritiker-Gott, der Schamane der Experten, Jupp Heidevomzumwinkel war so tief betroffen von dem Schicksal der verschütteten Minenarbeiter, dass er sich selbst zusammen mit seinem Bruder Joop dort unten einsperren ließ.

Joop, ganz die Koryphäe der Wissenschaft, wollte den sachlichen Aspekt erkunden, Jupp, ganz der Kunstversteher, gab sich der essentiellen Erfahrung hin, da er dies bei so vielen Künstlern vor ihm auch gesehen hatte. Eigentlich wollte er dort seinen eigenen Dämonen begegnen, musste jedoch schnell feststellen, dass sein Genie alles überragt und Dämonen sich nicht wirklich an eine Größe wie ihn herantrauen.

Sein Experiment brach er ab, da er nach eigenen Aussagen, das Verlangen hatte, seine neu gewonnen Weisheiten in einem Traktat epischen Ausmaßes zu verewigen. In diesem Manifest des Intellekts nimmt er uns mit auf eine Reise in das menschliche Bewusstsein, das schmerzlich feststellen muss, dass Kunst und Wissenschaft nicht Hand in Hand gehen können.

Jupp wollte meditieren und sich seiner selbst hingeben. Joop war in der Zwischenzeit in der Nachbarhöhle so mit Gesteinsklopfen beschäftigt, dass Jupp sich kaum seiner Größe gewahr werden konnte. Ein Genie war gestört durch den ungleichmäßig hämmernden Rhythmus der Wissenschaft nebenan!

Eine Tragödie und eine wahre Erkenntnis, in deren Genuss wir dank Jupp Heidevomzumwinkels Traktat kommen. Joop Heidevomzumwinkel ist übrigens noch nicht zurückgekehrt, denn der Takt der Wissenschaft klopft sich wohl durch den Erdkern hindurch. Vielleicht hat er eine seltenen Sumpfamöben-Art gefunden…