Posts Tagged ‘kulturelles Erbe’

Jahreswechsel, Kulturskandale und Prognosen

Mittwoch, Dezember 22nd, 2010 By Nina
cc by wikimedia/ Link, Hubert

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Wo ist das Jahr hin und was wird danach kommen? Fragen über Fragen, die an der Existenz der Menschen zerren seit sie sich selbst die Zeitrechnung auferlegt haben. Wir wagen mal eine kleine Prognose und versuchen uns in hell- oder auch dunkelseherischen Fähigkeiten:

Jemand wird ein Skandalbuch auf den Markt bringen, weitere Theater werden 2011 schließen müssen, der Kulturetat sinkt, Politiker werden sich an die Macht klammern, die Lage und Stimmung unter den Menschen wird sich zuspitzen, dann gibt es wieder ein Skandalbuch, dann eine Skandalenthüllung, einen neuen noch jüngeren Stern am Pophimmel, noch mehr alte Stoffe werden erneut zu Filmen verwurstet, eine Umweltkatastrophe erschüttert eine der ärmsten Regionen und hier tanzen die Charity-Ladies Ringelrein, dann wird es eine Skandalfernsehsendung geben, die von dem passenden Buch begleitet wird und am Ende des Jahres fragen wir uns in etlichen Jahresrückblicken, wo das Jahr hin ist und was kommen wird.

Freuen wir uns also auf neue Ereignisse im Jahr 2011! In diesem Sinne verabschieden wir uns in eine kleine Winterpause. Im neuen Jahr sind wir dann in alter kultureller Frische wieder da. Auch liebe Grüße von Jupp Heidevomzumwinkel soll ich bestellen. Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch!

Vernetzung ist ja so modern!

Freitag, August 13th, 2010 By Nina

Heute ist die Welt ja so vernetzt. Wir schicken die Daten hin und her und rund herum und jeder weiß natürlich von jedem, was er macht, was er tut, wer er ist. Es ist eben die moderne Welt! Ja, Leute, wir sind so modern, dass vor uns noch keine Epoche der Menschheit versucht hat sich zu vernetzen und sich darzustellen. Wir sind ja so innovativ! Und genau das müssen wir stets betonen und preisen

Zur Zeit um 1800 herum, als die Salons groß in Mode waren, wurde das Postsystem verbessert und auf einmal war es schick über alles und jeden Briefe zu schreiben. Ganze Leben wurden in Briefen festgehalten und sei die kleine Kleinigkeit noch so klein. Ja, manche Leute sollen sogar einfach erzählt haben, was sie zu Mittag gegessen hatten. Sie verabredeten sich munter und pflegten diese neue vernetzte Kommunikation, wo und wann es nur ging. Und, stellt euch vor, wenn einem ein Brief eines Freundes, Verwandten oder auch nur Bekannten gut gefiel oder man der Meinung war, dass es alle etwas angeht, wurden die Briefe einfach an alle weiterverschickt.

Die Menschen nutzen ganz einfach die neuen Wege, die sich ihnen bieten. Kommunikation und der Drang der Selbstdarstellung gehören einfach zu uns dazu. Aber wir sind ja soooo modern…

Ach ja, und als der Roman eingeführt wurde, hatte man den Untergang der Zeitungen und sowieso des Abendlandes prophezeit. Rock’n’Roll förderte angeblich die Jugendgewalt und die Zeitungen wären der Tod der Autoren. Und so geht das immer weiter, wenn etwas Neues kommt. Ich verbessere mich: Kommunikation, der Drang zur Selbstdarstellung und die Angst vor Neuem gehören einfach zu uns dazu…

Erich Kästner: Der Handstand auf der Loreley

Dienstag, Juli 27th, 2010 By Nina

Der Handstand auf der Loreley
(Nach einer wahren Begebenheit)

Die Loreley, bekannt als Fee und Felsen,
ist jener Fleck am Rhein, nicht weit von Bingen,
wo früher Schiffer mit verdrehten Hälsen,
von blonden Haaren schwärmend, untergingen.

Wir wandeln uns. Die Schiffer inbegriffen.
Der Rhein ist reguliert und eingedämmt.
Die Zeit vergeht. Man stirbt nicht mehr beim Schiffen,
bloß weil ein blondes Weib sich dauernd kämmt.

Nichtsdestotrotz geschieht auch heutzutage
noch manches, was der Steinzeit ähnlich sieht.
So alt ist keine deutsche Heldensage,
daß sie nicht doch noch Helden nach sich zieht.

Erst neulich machte auf der Loreley
hoch überm Rhein ein Turner einen Handstand!
Von allen Dampfern tönte Angstgeschrei,
als er kopfüber oben auf der Wand stand.

Er stand, als ob er auf dem Barren stünde.
Mit hohlem Kreuz. Und lustbetonten Zügen.
Man fragte nicht: Was hatte er für Gründe?
Er war ein Held. Das dürfte wohl genügen.

Er stand, verkehrt, im Abendsonnenscheine.
Da trübte Wehmut seinen Turnerblick.
Er dachte an die Loreley von Heine.
Und stürzte ab. Und brach sich das Genick.

Er starb als Held. Man muß ihn nicht beweinen.
Sein Handstand war vom Schicksal überstrahlt.
Ein Augenblick mit zwei gehobnen Beinen
ist nicht zu teuer mit dem Tod bezahlt!

P.S. Eins wäre allerdings noch nachzutragen:
Der Turner hinterließ uns Frau und Kind.
Hinwiederum, man soll sie nicht beklagen.
Weil im Bezirk der Helden und der Sagen
die Überlebenden nicht wichtig sind.

Der Tag der linken Taschentuchecke

Freitag, Juli 9th, 2010 By Nina

Heute ist ein ganz besonderer Jahrestag, den wir nur einmal im Jahr feiern und der nun wieder stattfindet, damit wir ihn jährlich und auch 2010 begehen können. Solche Tage sollen uns helfen, uns Dinge bewusst zu machen, die man im harten Alltag gerne übersieht, eben die kleinen Dinge des Lebens, an denen wir alle gerne einmal sorglos vorbeieilen.

Unser kulturelles Erbe beruht jedoch auf solchen Kleinigkeiten. Was wären wir zum Beispiel ohne Stifte mit Tierköpfen, die kleinen, putzigen Aufhängschlaufen von Geschirrtüchern oder Duftbäume für das Auto. So manch ein Handtuch würde nun arglos, einsam und verlassen sein Dasein am schmutzigen und unreinen Küchenboden fristen. Eine unwürdige Existenz, der wir mit einem simplen Trick vorgebeugt haben. Oder könntet ihr noch atmen in eurem Auto ohne den Geruch von Flieder-Lavendel-Mohn-Vanille-Orchidee? Es sei denn natürlich ihr gehört zu den krankhaften Airies

Nach eben dem Tag des Duftbaums, dem Tag der Gerschirrtücheraufhängschlaufen und dem Tag der tiergehäupteten Schreibutensilien, steht heute ein weiterer Tag bevor, an dem jeder von uns einmal in sich gehen und still der Menschheit für ihren Einfallsreichtum danken sollte. Heute ist der Tag der linken Taschentuchecke.

Häufig ist die linke Taschentuchecke unser Retter in der Not, bei lästigen Allergien, bei starkem Schnupfen oder auch nur bei dem kleinen süßen Nieser eines kleinen blondgelockten Mädchens auf einer Blumenwiese. Die linke Taschentuchecke hat eine lange Tradition, die keiner von uns unterschätzen sollte. Man vergesse nicht die hohen Persönlichkeiten, die sich der linken Taschentuchecke bedienten: von Goethe, über Bismarck bis hin zu Robin Hood, sollte es ihn denn wirklich gegeben haben, sie alle nutzten die Vorzüge der linken Taschentuchecke.

Hängen wir also alle an diesem Tag der linken Taschentuchecke eine linke Taschentuchecke aus unserer linken Taschen und lassen wir so die geniale, unübertreffliche und segensreiche linke Taschentuchecke hochleben. Auf dass wir alle derniedersinken in der Größe ihrer riesenhaften Bedeutung!