Posts Tagged ‘Kritik’

Leistungsgesellschaft

Mittwoch, März 23rd, 2011 By Nina

Besser, schneller, weiter, höher, früher, auf keinen Fall später, toller, gigantischer, großartiger, niemals nach hinten, immer nach vorniger, schöner, jünger, erfolgreicher, wichtiger, mächtiger, niemals schmächtiger, weiter, breiter, niemals abwärts die Leiter, aufwärts, aufwärtiger, am aufwärtigsten, auf jeden Fall mehr, mehr, mehr.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann konkurrieren sie noch heute, taumeln im Leistungsdruck und drücken immer mehr, mehr, mehr…

Eine Welt voller Überfluss

Mittwoch, März 16th, 2011 By Nina
cc by flickr/ Brian

cc by flickr/ Brian

Wir sind so voll wie wir leer sind. Aus Langeweile suchen wir zwanghaft nach Problemen, nach Dingen, die die Welt nicht braucht, aber wir in unseren Augen schon. Wir schicken unsere Hunde zum Psychiater, weil wir alles auf alle anderen projizieren.

Oder vielleicht machen wir die Tiere auch einfach depressiv, weil wir sie in enge rosa Kleidchen stecken, in einer Tasche als Accessoire mit uns führen und ihre natürliche Ordnung nicht akzeptieren. Ja, wir nehmen alles auf in unsere menschliche perfekte Welt, was bei drei nicht auf den Bäumen ist und selbst, wenn sie das geschafft haben, dann beschlagnahmen wir einfach die Bäume.

Uns gehört die Welt und wir wundern uns, wenn wir feststellen müssen, dass es nicht so ist, dass wir klein sind. Aber das muss man dann gleich in anderem ersticken. So gucken wir bunte Werbespots und bauen Vertrauen zu Produkten auf. Ja, ich vertraue meiner Cremetube auch jeden Tag, während ich sie ausquetsche. Sowieso ist Vertrauen zu Produkten viel besser, denn hier bekommt man selbst bei Enttäuschung wenigstens keine Widerworte. Ich bin auch immer so enttäuscht von meiner Zahnpasta… Naja, vielleicht sollte ich Creme und Zahnpasta auch zum Psychiater schicken…

Skandale über Skandale

Mittwoch, Februar 23rd, 2011 By Nina
cc by wikimedia/ Olek Remesz

cc by wikimedia/ Olek Remesz

„Skandaaaaaal“ erschallt es aus einer Ecke und alle haben es gehört, wirklich jeder hat den Ruf vernommen, doch das reicht wohl noch nicht, denn schon stürzen sich die kleinen und großen Reporter, der Medienzirkus mit seinen Spaß-Elefanten und Kicher-Äffchen auf den Ruf. Wer hat ihn noch gehört? Jetzt wird es investigativ? Wer hat ihn zuerst gehört? Wer kann den Schrei am genauesten beschreiben? Wer war noch bei diesem denkwürdigen Moment dabei? Und überhaupt, wo kam er überhaupt her?

Letztere Frage wurde jedoch schnell wieder gestrichen, denn diese hätte alle zu lange aufgehalten. Die Augenzeugen stehen Schlange vor den Mikrofonen und beißen sich um die besten Plätze. Die Reporter reden schneller, die Moderatoren noch schneller und die Schreiberlinge schreiben sich ihre schreibenden Schreibfinger wund.

Die Information kann beginnen und keiner ist mehr sicher, denn obwohl es alle gehört haben, gibt es natürlich noch Experten im Hören, die kleine Untertöne erkannt haben, die sich natürlich um eine Sendung zu füllen widersprechen. War der Unterton eher quäkig oder doch eher weinerlich? Nein, um Gottes Willen, er war leicht aggressiv mit einem Hang zum bilateralen Schizophrenen! Der eine hat dazu noch eine kongeniale Depression herausgehört, doch diese Theorie ging im anschließenden Boxkampf der Zirkus-Clowns unter.

Dokumentationen zum Skandal-Ruf folgen, die Filmrechte werden verkauft und die Marketing-Agenturen lecken sich die Finger während sie sich fragen, wie sie ihn für sich nutzen können. Provokant oder doch eher tragisch? Verständnisvoll oder doch eher hemmungslos? Nach drei Wochen, in denen die Welt fast untergegangen wäre und so manch einer Vorboten für das Kommen des Heilands, des Bösen oder des Dämons Gretzthematlukulakl-Theb erkannt haben will, hat einer einen neuen Zusammenhang beim Laufen auf der Straße entdeckt und der Zirkus tourt weiter. Alle springen sie auf diesen anderen Zusammenhang, der natürlich noch nie so wichtig war und den Skandal-Ruf (weiß noch jemand was das war?) bei Weitem in den Schatten stellt.

Und in einer kleinen Ecke flüstert jemand ganz leise „Skandal, dass Denken am Ende so schwierig ist“, doch das hat schon keiner mehr gehört…

Experten expertieren so expertös

Mittwoch, Februar 16th, 2011 By Nina
cc by wikimedia/ Markus Mueller

cc by wikimedia/ Markus Mueller

Ja, ich bin ein großer Sprachwissenschaftler. Ich betrachte die Sprache nicht nur wissenschaftlich, sondern ich spreche mein Wissen schaffend aus. Ich analysiere Gedichte messerscharf und entdecke in Wortfetzen ganze Universen, die am Ende mit dem eigentlichen Text oder dem Autor nichts gemein haben. Ich schmiege mich an Texte, da ich selbst nur theoretisieren kann.

Nehmen wir zum Beispiel mal einen Sänger, der textuelle Kolloraturen als Schmelztiegel der Wortfetzen nimmt und daraus Gebilde baut, die ich nun zum einstürzen bringen kann. Natürlich ist das Wort, der Satzteil, der metaphysische Klangkörper „einstürzen“ zu weit gegriffen: Korrekterweise bringe ich das Gebäude erst ins Wanken, schüttele es ein bisschen, hinterfrage jeden Buchstaben, liste seine kontextuelle Geschichte auf und erst dann, wenn man nur noch einen kleinen Lufthauch braucht, bringe ich es zum Einstürzen.

Nehmen wir also den Sänger. Dieser eine, besondere Sänger verwendet einen ganz speziellen Trick, der höchstliterarisch ist: Er überwindet die Worte schriftüberschreitend. Etwas, was die meisten Menschen ja sonst nicht tun, woran es ihnen an Fähigkeiten mangelt, wobei sie versagen, in Untätigkeit verfallen, es unterlassen, aufhören und gar nicht anfangen. Was wir Experten alles herausfinden. Schriftüberschreitend, für diese Erkenntnis habe ich nun Jahre gebraucht. Schriftüberschreitend, ich bin ein Genie! Das Land der Dichter? Nein, nur noch der Denker…