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Kunst oder Werbung? Wie die neuen Möchtegern-Internet-Kreativen die Grenzen verschwimmen lassen

Mittwoch, August 11th, 2010 By Nina

Wir sind alle so hip, so happening, so hype und auch sonst sind wir ganz toll… Spätestens seit die ersten Kreativen die Weiten des Netzes betraten, brachten sie eine Flut von Mitläufern, Beiläufern und Ähnlichen mit sich. Ja, die „Internet-Bohemians“ sind ganz toll und auch so kapitalismus-kritisch!

Ja, sie haben total tolle und innovative Ideen und kennen die Trends von Morgen. Sie wissen genau, dass sie große Künstler sind. Ja, wir lieben solche Auswüchse, wie die Zentrale Intelligenz Agentur und deren Ausgeburten wie Sascha Lobo und Co. Pseudo-Alternative, die sich unter dem Deckmantel der Kreativität und einer angestrengten Coolness Werbung, PR und Marketing widmen. Ja, sie erstellen Gutachten für ihre Kunden und schreiben auch schon mal auf Befehl ein Theaterstück, über Themen die nach ihren vermeintlichen Analysen in sein könnten.

Kunst ist hier Werbung, Kunst ist in diesem Kosmos Bestellung, Angebot und Nachfrage, und da man sonst ja nicht wirklich kreativ ist, muss man diese Kreativität auch noch ganz toll und ständig betonen.

PR-Produkte werden in tollen Worthülsen verpackt wie zum Beispiel so: „Ein Multifunktions-Werkzeug, mit dem sich ein breites Spektrum kreativer Aufgaben zeitnah erschlagen lässt; ideal geeignet als kreative Manövriermasse für Wording, Naming und Titelfindung, als Inspiration für Slogans und Claims, als spontane Fokusgruppe und Expertenpanel. Je nach Briefing schalten wir eine handverlesene Gruppe kreativer Köpfe oder Experten aus unserer Kartei in einer Online-Konferenz zusammen. Resultat ist das ungefilterte Gehirnstrom-Protokoll als Textdokument, nur die wichtigen Stellen werden hervorgehoben. Die wichtigsten Vorteile auf einen Blick: Gehirnstrom ist schnell (Resultate nach 48 Stunden), frisch (unvoreingenommene Experten mit ungetrübtem Blick), transparent (keine geschönte Präsentation, 100% Rohstoff), ungefiltert (unzensierte Kommentare zum „live“ Mitverfolgen). Preis: 200 EUR pro Teilnehmer zzgl. 100 EUR Handlingpauschale. Agenturen und Wiederverkäufer zahlen das Doppelte.“

Und so lassen sich die meisten von diesen leeren Worten einwickeln und denken das alles sei so hip und neu, dabei ist es nichts anderes als Marketing… So ist die Kunst ganz sicher tot! Leer, leerer, am leersten!

Gentrifizierung: Ich bin ein großer Künstler und liebe das Establishment

Dienstag, Juli 13th, 2010 By Nina

Ist die Kunst wirklich tot? Legen wir sie also in einen Sarg und nageln diesen fest zu, denn auch das ist bestimmt ein künstlerischer Akt, der mit jedem Sargnagel teurer wird und die Investoren feucht werden lässt. Ihr denkt die Kunst entwickelt sich nicht weiter? Irrtum, sie ist noch da, sie wächst, sie lauert im Dunkeln, in kleinen Kellern, in winzigen Bühnen, wo sich jeden Abend, jeden Tag, die Akteure die Finger wund spielen, schreiben, singen, malen.

Ihr habt davon noch nie etwas gehört? Das könnte wohl daran liegen, dass ihr nur große Künstler aus den Medien kennt, auf die sich die Investoren, die Verlage, die Major Labels stürzen. Wer heute als Künstler gilt, muss sich über Geld definieren. Schon lange hat sich das Bild des Künstlers verschoben: Ein hipper Künstler jettet um die Welt, geht auf die selben Parties wie seine Geldgeber und trägt die schicke Designer-Sonnenbrille, dann spricht er noch ein bisschen über das Anderssein seiner Seele, kritisiert, aber nur ganz oberflächlich und am Rande irgendein aktuelles Thema und weist dann seine Praktikanten an die nächste Skizze festzuhalten.

Und sie alle wollen so sein. In den Literaturkurse, in den Kunsthochschulen, an den Schauspielschulen, sie alle wollen Stars werden, wollen groß raus kommen. Doch Kunst kann man nicht mit Geld aufwiegen! Gute Bilder sind kein Anlageobjekt! Gute Bücher müssen nicht jedem gefallen!

Macht eure Augen also weit auf und euch selbst auf die Suche nach solchen Orten, wo sie hausen, die richtigen Künstler, die sich nicht scheuen die Gesellschaft zu kritisieren, zu provozieren, die sich entwickeln und wahrscheinlich erst mit 60 Jahren richtig gut sein werden. Weit weg von angebliche Künstlervierteln wie Prenzlauer Berg… Es reicht auch einfach von seiner Kunst leben zu können und nicht damit reich zu werden. Ein Verkauf ist natürlich immer dabei, nur muss man dafür alles mitmachen?