Experten expertieren so expertös
Mittwoch, Februar 16th, 2011Ja, ich bin ein großer Sprachwissenschaftler. Ich betrachte die Sprache nicht nur wissenschaftlich, sondern ich spreche mein Wissen schaffend aus. Ich analysiere Gedichte messerscharf und entdecke in Wortfetzen ganze Universen, die am Ende mit dem eigentlichen Text oder dem Autor nichts gemein haben. Ich schmiege mich an Texte, da ich selbst nur theoretisieren kann.
Nehmen wir zum Beispiel mal einen Sänger, der textuelle Kolloraturen als Schmelztiegel der Wortfetzen nimmt und daraus Gebilde baut, die ich nun zum einstürzen bringen kann. Natürlich ist das Wort, der Satzteil, der metaphysische Klangkörper „einstürzen“ zu weit gegriffen: Korrekterweise bringe ich das Gebäude erst ins Wanken, schüttele es ein bisschen, hinterfrage jeden Buchstaben, liste seine kontextuelle Geschichte auf und erst dann, wenn man nur noch einen kleinen Lufthauch braucht, bringe ich es zum Einstürzen.
Nehmen wir also den Sänger. Dieser eine, besondere Sänger verwendet einen ganz speziellen Trick, der höchstliterarisch ist: Er überwindet die Worte schriftüberschreitend. Etwas, was die meisten Menschen ja sonst nicht tun, woran es ihnen an Fähigkeiten mangelt, wobei sie versagen, in Untätigkeit verfallen, es unterlassen, aufhören und gar nicht anfangen. Was wir Experten alles herausfinden. Schriftüberschreitend, für diese Erkenntnis habe ich nun Jahre gebraucht. Schriftüberschreitend, ich bin ein Genie! Das Land der Dichter? Nein, nur noch der Denker…




